Dr. Dirk Friedrich · Schillerstraße 1-b · D-76870 Kandel · Tel: +49 (0)7275 1222 · Fax: +49 (0)7275 1208 · E-Mail: info@trakehner-friedrich.de

Das 8. Trakehner Rennen am 27.September 2015 ist meinem Vater, dem in Ostpreußen geborenen Trakehner Züchter Dr. Paul Friedrich gewidmet.

Dr. Paul Friedrich mit Feedula
Bildunterschrift: Dr. Paul Friedrich mit Feengrund

Paul Friedrich wurde am 07. März 1915 in Kraupischken im ostpreußischen Kreis Tilsit-Ragnit, inmitten des Hochzuchtgebietes des ostpreußischen Warmblutpferdes Trakehner Abstammung geboren. Kraupischken war Deckstation des Landgestüts Georgenburg; zu den erfolgreichsten und bekanntesten Zuchtstätten zählten die in der Nachbarschaft gelegenen Güter von Sperber-Lenken und Mack-Althof. Das im südöstlichen Teil des Kreises gelegene Dorf wurde im Jahr 1938 in Breitenstein umbenannt.

Gebäude in Kraupischken 2006
Bildunterschrift: Gebäude in Kraupischken 2006.

Näheres zur Geschichte der Siedlung: Der Schlossberg etwa 5 km südöstlich von Kraupischken beim Dorf Sassupönen war wohl einst Standort der Prußenfestung „Sassaburg“, die 1276 von den Ordensrittern unter Konrad von Thierberg erobert wurde. Sie galt den Litauern bis ins 19. Jh. hinein als heilig. Das Dorf Kraupischken im malerischen Instertal zwischen Ragnit und Insterburg wurde am 20. 11. 1352 als „Cropiscen an der Instrad“ erstmalig urkundlich erwähnt, als sich der Orden mit dem Bischof von Samland geeinigt hatte, die Landschaft Nadrauen aufzuteilen, und war somit eine der ältesten Siedlungen im Kreis. Die Gegend war allerdings schon wesentlich länger besiedelt, denn man fand 1723 auf dem Gut Breitenstein Fürstengräber aus der Zeit 600 bis 800 n. Chr. Im Jahr 1725 erstattete Professor Rohde von der Albertus-Universität in Königsberg einen Bericht über die Ausgrabung dieser vorordenszeitlichen prussischen Begräbnisstelle im Gutspark. Damit dürfte die erste archäologische Ausgrabung in Ostpreußen überhaupt dokumentiert worden sein.

1554 wurde die Kirchengemeinde in Kraupischken gegründet. Der erste Geistliche, Augustin Jamund, wurde dadurch bekannt, dass er 1555 das Neue Testament ins Litauische übersetzte. Während der Pestjahre 1708/09 verlor das Kirchspiel Kraupischken fast die Hälfte der Einwohner. Ganze Ortschaften und viele Bauernhöfe lagen wüst und verlassen da. Mehrere Jahrzehnte litt das Land unter den Folgen dieser Seuche, aber mit dem Retablissement König Friedrich Wilhelms I. und der Einwanderung der aus Salzburg vertriebenen Protestanten, die besonders auch in Kraupischken eine starke Kolonie bildeten, nahm das Dorf wieder eine günstige Entwicklung. Mit dem Bau der sog. „Kunststrassen“ entwickelte Kraupischken gute Verkehrsverbindungen nach Gumbinnen, Insterburg, Budwethen, Lengwethen-Ragnit und Szillen. Diese moderne Infrastruktur war förderlich für die Abhaltung von Wochenmärkten ab 1859 und eines Vieh- und Pferdemarkts ab 1861 oder 1862 und machte Kraupischken zum bestbesuchten Marktflecken des Kreises. Eine Brandkatastrophe 1866 in Folge eines Gewitters, der über 100 Häuser zum Opfer fielen, konnte diese Entwicklung nicht aufhalten. Eine Anbindung an die Kleinbahnlinie Insterburg – Ragnit erfolgte 1902. Noch in den Julitagen des Jahres 1914 konnte man das neue Krankenhaus einweihen. Dann begann der 1. Weltkrieg, in dessen Verlauf gleich nach 14 Tagen das Gefecht bei Kauschen, nur wenige Kilometer entfernt, stattfand. Die schwachen deutschen Kräfte versuchten, die Russen an der Überquerung der Inster zu hindern, was aber nicht gelang und 180 Gefallene kostete. Sie wurden auf den Heldenfriedhöfen von Kraupischken und Kauschen zur letzten Ruhe gebettet. Die Verletzten dagegen erlebten die Vorzüge des neu erbauten Krankenhauses. Dem Andenken der Gefallenen wurde ein Ehrenmal auf dem Kirchplatz gewidmet, das der berühmte Bildhauer Prof. Stanislaus Cauer gestaltete. Bis zur Schlacht von Tannenberg war der Ort allerdings in der Gewalt der Russen.

Im Zuge der Namens-Arisierung taufte man 1938 Kraupischken in Breitenstein um. Der zunächst vorgesehene Name „Platzdorf“ wurde von der Bevölkerung nicht akzeptiert, so dass man den Namen Breitenstein wählte, der bis dahin dem Gut vorbehalten war. 1939 besaß Kraupischken über 1.400 Einwohner und zählte damit zu den größten Orten des ländlichen Kreises.

Bereits im Oktober 1944 gab es in Kraupischken/Breitenstein und Umgebung die ersten Evakuierungsmaßnahmen. Der Räumungsbefehl erging dann am 19. Oktober, für die Bevölkerung westlich der Inster am 23. Oktober. Kraupischken wurde am 2.11.1944 von den Zivilpersonen endgültig geräumt. Einigen Zivilpersonen in Kraupischken wurde allerdings befohlen, bis zum bitteren Ende auszuharren. Herr Ernst Awiszus schreibt dazu: „Meine Großeltern mütterlicherseits und einige Hilfskräfte mussten in der einzigen Bäckerei "Reske" noch bis zum letzten Soldaten Brot backen. Meine Mutter Ilse Reske und Großmutter Frida Reske mussten überstürzt frühmorgens des 18. Januar 1945 die Flucht nach Wormditt (Ermland) antreten. Mein Großvater, Willy Reske, kam am späten Nachmittag nach und am Abend des 18.01.1945 hatten die Russen bereits das ehemalige Kraupischken kampflos und damit unzerstört eingenommen.“ Zunächst kam die Front noch zur Ruhe, doch dann erfolgte der Sturm auf Ostpreußen. Am 18. Januar 1945 konnte die Rote Armee die Insterstellung 5 km nördlich von Kraupischken durchbrechen, am 20. Januar 1945 mussten die letzten Soldaten das Gut Breitenstein verlassen.

Pauls Vater, Hermann *12.05.1882 hatte am 08.09.1913 seine Frau Meta geheiratet und fiel am 14.Dezember 1914, in den ersten Kriegstagen des 1. Weltkrieges bei Lowitcz in Polen. Familie Friedrich besaß mehrere Güter, (darunter Landwirtschaft, ein Kolonialwarengeschäft und eine Kohlehandlung und Betrieb in Königsberg). Die verwitwete Mutter Meta *07.05.1885 geb. Sellnat aus Warnen heiratete später einen Brandstädter und am 05.03.1922 erblickte Pauls Halbschwester Gerda das Licht der Welt. Paul wurde fünfjährig eingeschult und absolvierte 17jährig das Abitur. Danach kam Paul zum RAD und trat 1934 in das Kavallerie-Regiment I, 3. Schwadron in Insterburg ein. Paul Friedrich nahm seine Zukunft selbst in die Hand. Wirtschaftliche Sicherheit war sein oberstes Gebot, wählte daher den Weg zum Militär und trat 1935 mit seiner Schwadron in das Reiter Regiment IV ein. Zur Neuaufstellung des Kavallerie Regimentes XI von  Lt. von der Kneesebeck wurde er nach Österreich kommandiert und 1939 begann für ihn von Schlesien aus der Polen-Feldzug aus. 1940 wurde er als Rittmeister nach Frankreich kommandiert und 1941 folgte der Rußland-Feldzug, Mittelabschnitt – Brestlitowsk. Bei Orel wurden ihm beide Hände durchschossen. Das Jahr 1944 sah Major Paul Friedrich unter General von Pannwitz bei den Sibir-Kosaken in Kroatien. Nach einem Durchschuss des linken Oberschenkels folgte der Aufenthalt im Lazarett in Dresden bis zum 12.02.1945. Für ihn endete der 2.Weltkrieg am 12. Mai: Die Gewehre wurden zusammengestellt und den Tito-Partisanen übergeben; dann folgte die englische Gefangenschaft.

Da Paul Friedrich kein Parteimitglied war, konnte er bereits 1946 das Studium der Veterinärmedizin und Landwirtschaft aufnehmen. Der Lebensunterhalt wurde durch Steine klopfen verdient und im Jahr 1949 legte er das Diplom und die Promotion in der Landwirtschaft mit dem Abschluss des Dr. agr. ab. 1950 folgte das Staatsexamen in der Veterinärmedizin mit anschließender Praxisübernahme in Fulda. Hier heiratete er am 20. Januar 1951 die Krankengymnastin Waldtraut Maurer aus Stobricken, Kreis Gumbinnen. Am 01. Februar 1951 folgten die Eröffnung seiner Tierarztpraxis in Hagenbach/ Rheinland-Pfalz, 1953 das Kreisexamen in Freiburg. Am 20. September wurde Sohn Dirk geboren und 1955 das Anwesen in Kandel erbaut.

Gebäude in Kraupischken neben der Schule
Bildunterschrift: Gebäude in Kraupischken neben der Schule

Im Jahr 1965 wurde seine Trakehner Zucht begründet. Stammstute wurde die im Trakehner Gestüt Birkhausen erworbene Schimmelstute Feengrund v. Ilmengrund. Gleich das erste Fohlen, zunächst Filou genannt, wurde dann zwei Jahre später unter dem Namen Facetto I in Neumünster gekört. Das Jahr 1983 sah die Geburt des zweiten gekörten Hengstes seiner Zucht: Ferrum war das Produkt der ersten künstlichen Besamung in der Trakehner Zucht und wurde im Oktober 1985 in Neumünster gekört. Dr. Paul Friedrich stellte mit diesem, seinem Zuchtprodukt nicht nur sein bewundernswertes veterinärmedizinisches Können auf dem Gebiet der Pferdezucht unter Beweis, er kann damit auch als der Vorreiter der Künstlichen Besamung angesehen werden – zu seiner Zeit noch ungläubig bestaunt von Fachleuten der Pferdezucht und der Veterinärmedizin. Ferrum wurde zu einem angesehenen Vererber und hinterließ trotz seines frühen Todes qualitätvolle Mutterstuten und erfolgreiche Dressurpferde, darunter den vielfach in S-Dressurkonkurrenzen erfolgreichen gekörten Sohn Lion’s Club.


Ansicht Kraupischken 20. Jh. (Land an der Memel)
Bildunterschrift: Ansicht Kraupischken 20. Jh. (Land an der Memel)

Am Morgen des 22. Oktober 1999 schlief Dr. Paul Friedrich friedlich ein.

Dr. Paul Friedrich war ein Tierarzt, der seinen Beruf mit großem Herzblut ausübte. Mit seiner kleinen, erfolgreichen Trakehner Zucht hielt er auch die Erinnerungen an seine verlorene Heimat Ostpreußen wach, das Land seiner Väter, das er nie vergaß.

Das alte Kraupischken
Bildunterschrift: Das alte Kraupischken. Eines von vielen Fotos im Heimatmuseum 2010.