Dr. Dirk Friedrich · Schillerstraße 1-b · D-76870 Kandel · Tel: +49 (0)7275 1222 · Fax: +49 (0)7275 1208 · E-Mail: info@trakehner-friedrich.de
Wissenswertes zu Herero

Zwischen Lipp' und Kelchesrand

Am 7. Februar noch teilte Hereros Besitzer, Rittm. Stärz, mit, daß er mit seinem Lot in Wien sei, wo die Pferde, einschließlich Herero, in der Reitbahn und in den Praterauen nützlich Bewegungsarbeit verrichteten. "Der alte, brave Herero ist in glänzender Verfassung!" hieß es in dem Brief. "Der Alte wird oft von Pferdefreunden und -kennern besucht und so macht er fortgesetzt Reklame für seine Heimat Trakehnen." Und bereits am 18. Februar meldete ein Expreßbrief aus Wien den Tod des alten Steeplers. Rittm. E. Stärz schreibt wörtlich: „Unser alter braver Herero ist in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar eingegangen! Am 15. Februar war er abends noch ganz gesund, hat gefressen und war wohlauf. Am 16. Februar früh versagte er zum erstenmal das Futter, und sofort wurde der Tierarzt gerufen. Nachmittags hatte Herero 40,5 Temperatur. Wir brachten den Alten nach der Tierärztlichen hochschule, wo Lungenentzündung und auch Herzgeräusche mit großer Herzschwäche konstatiert wurden. Herero erhielt sofort eine Neosalvarsan-Injektion und da das Herz immer schwächer wurde, starke Herzmittel. Die Ärzte gaben sich alle erdenkliche Mühe – auch waren wir stets anwesend – aber alles war vergebens. Um 12.41 Uhr nachts starb Herero. Wie ein Held! Tapfer hat der Alte bis zum letzten Augenblick gekämpft, immer den Blick auf uns gerichtet, aber sein altes, treues Herz hatte nicht mehr die Kraft, in diesem letzten Kampfe Sieger zu bleiben. Sein Tod ist für uns, als wäre uns ein lieber Mensch gestorben!“

Herero Trakehner Rennen

Bildunterschrift: Herero (†) alter brauner Wallach von Shilfa-Heldenmutter (Halbblut). Aufgenommen in Pardubitz nach der großen Pardubitzer Steeple-chase 1924 und zwar am 27. Oktober 1924.

Trakehnen hat einen seiner Besten verloren! Ein Pferd, einen Steepler, der da im In- und Ausland bewiesen hat, was das deutsche Warmblutpferd, der ostpreußische Halbblüter, kann. Aus Trakehnen, das schon so viele gute und erprobte Halbblutpferde produziert hat, ist Herero hervorgegangen. Im Jahre 1912 wurde Herero von Shilfa (von Isinglass-Merle, von St. Serf) aus der Heldenmutter gezogen, er war also 13 Jahre alt. In seinen jungen Jahren war Herero in Trakehnen, wo er springen lernte, dann kam er in den Offizierstall und zog 1916 mit Oblt. von Schröter von den Totenkopf-Husaren mit ins Feld. Dort erst, wo er alle Strapazen und Leiden des Krieges mitmachte, dabei nie versagte, stets mit jedem Futter und jedem Stall zufrieden war, erkannte sein Besitzer und Reiter den vollen Wert seines treuesten Kameraden Herero, der glänzend wie kein anderer für den Ruhm des berühmten ostpreußischen Soldatenpferdes eintrat. Und als der Krieg zum bitteren Ende gekommen war, als Herero und sein Besitzer glücklich zurückgekehrt waren, da entschloß sich Oblt. Von Schröter, den Wallach, den er bereits als kapitalen Springer vor dem Feind kennen und schätzen gelernt hatte, einmal auf der Rennbahn zu probieren. Auf seine alten Tage kam Herero zu altmeister Kerpen nach Königsberg in Training, und noch im Herbst 1919 ritt Oblt. von Schröter de Wallach in Königsberg, Insterburg und Trakehnen, wobei Herero in Insterburg das Augerapp-Jagd-Rennen unter 82 kg gewann. Bemerkt sei, daß der Wallach bis Ende 1922 bei Trainer Kerpen blieb.

Herero fand dann in Herrn D. von Kuenheim, einem Sohn des Züchters von Juditten bei Bartenstein, einen neuen Besitzer, der aber im August 1920 den Steepler an Herrn O. Burchard-Austinehlen weitergab. Herr von Kuenheim ritt Herero jedoch in acht der neun Rennen von 1920. Den Anfang machte wieder das Insterburger Angerapp-Jagdrennen, in dem aber Herero diesmal disqualifiziert wurde, da sein Reiter eine Flagge ausgelassen hatte. 1920 gewann Herero aber insgesamt doch fünf Rennen, als bestes, unter Herrn Anton von Hohber, dem ehemaligen „Stobigen“ und späteren Wrangel-Kürassier, das über 6000 m führende von der Goltz-Jagdrennen in Trakehnen, also schwerster Kurs, und das unter sage und schreibe 85 kg. Nun wußte man, daß Herero Ostpreußens bester Halbblut-Steepler war, ein kapitaler Springer, dem kein „Gegenstand“ zu hoch, kein Weg zu weit und kein Gewicht zu schwer war.

Im folgenden Jahre, 1921, sollte sich Herero aber noch selbst übertreffen. Bei einem Dutzend Versuche war er acht Mal erfolgreich und gewann von den bedeutendsten östlichen Rennen u. a. den Großen Preis von Ostpreußen über 1500 m, das Zoppoter Ostsee-Jagd-Rennen über 6000 m, mit Kurs durch die Ostsee, unter 83 ½ kg und den Königsberger Preis von Trakehnen über 6000 m Wallbahn unter 81 kg. In den zwölf Rennen von 1921 wurde Herero einmal vom Jockey R. Rose geritten, zehnmal von dem Herrenreiter Herr C. Bauch und je einmal von Herrn D. von Kuenheim – und da ausgerechnet fiel der totsichere Springer zum ersten Mal in seinem Leben – und von Herrn Landstallmeister A. Burrow.

Auch 1922 bestritt Herero in den Burchardschen Farben wieder zehn Rennen. Es war des Wallachs bestes Jahr und man gewöhnte sich allmählich daran, im Osten Herero als ein Phänomen zu betrachten, als einen Halbblüter, der haushoch über den besten Ostpreußens stand, als da waren u. a. Monarchist, Treulose, Colombine, Heinerle, und wie sie alle heißen mögen. Und was der Trakehner in der Saison 1922 leistete, die er mit 161,700 Mk. Gewinn abschloß, war wirklich phänomenal. Acht Rennen nacheinander, die wertvollsten und schwersten des Ostens, und zwar unter den unmöglichsten Gewichten, gewann er, einmal wurde er Zweiter, und in Trakehnen kam er zum zweitenmal während seiner Laufbahn zu Fall. Allerdings, die Trakehner Sprünge haben es in sich. Sechsmal steuerte Herr C. Bauch den Alten, viermal der jugendliche Herr von Eckartsberg.

Und dann muß etwas mit Herero nicht gestimmt haben. Erst am 31. Juli 1923 kam er wieder heraus, aber nicht im Osten, sondern in den Farben des Herrn D. Ehrenfried auf der Karlshorster Bahn. Dort aber konnte sich Herero nicht wohlfühlen, es gab für ihn zu wenigs zu springen, er war vielleicht auch nicht mehr der alte Herero. Fünfmal versuchte sich der Wallach, Ostpreußens Stolz, in der Wuhlheide, aber nur zwei zweite Plätze waren die Ausbeute. Und da trennte sich der Stall Ehrenfried von Herero. Er wanderte in die Tschechei, hatte aber das Glück, in den Stall des Rittm. E. Stärz zu kommen, eines Reiters und Sportsmannes der alten Schule, der nicht nur Passion, sondern auch Herz für sein Tier, und da er weit über 199 Rennen im Sattel gewonnen, auch das nötige Verständnis hatte. Er also kaufte Herero zielbewußt mit dem Blick auf Pardubitz. Vom November 1923 an wurde Herero gepflegt und gepäppelt, im Mai 1924 kam er erstmalig in der „Großen Preßburger“ heraus, gewann dann fünf kleinere Rennen, um dann am 26. Oktober 1924 seine ruhmreiche Steepler-Laufbahn mit dem Sieg in der Großen Pardubitzer Steeple-Chase zu krönen. Herero kannte Trakehner Sprünge, er war über die Königsberger Wallbahn als Sieger gekommen, er hatte das Königsberger Hindenburg-Jagd-Rennen unter 96 ½ kg gewonnen! Was konnte dem Ostpreußen Pardubitz sein? Er bewältigte den schwersten Naturkurs des Continents spielend. Rittm. Stärz, der Herero in jeder Arbeit und in seinen 14 nachbarlichen Steeple-chases geritten hatte, erntete hier den Lohn für alle Mühe und Pflege.

Alles in allem hat Herero in den sechs Jahren seiner Rennlaufbahn 53 Rennen bestritten – Steeple-chases von 3200 m bis 6400 m – davon 28 gewonnen, war elfmal zweiter und siebenmal sonst placiert. Gefallen ist Herero insgesamt nur viermal, unplaciert war er nur dreimal. Der Gesamtwert von Hereros Gewinnen beträgt 292.296 Mark und 34.280 Kr. Und dazu kommen noch 24 Ehrenpreise! Eine entsprechende, Einzelheiten zeigen Tabelle folgt im Anschluß:

Herero Rennen

Und nun, nachdem man alle die Einzelheiten gesehen und erfahren, folgt das Interessanteste: Herero wurde nach seinem Tod obduziert und dabei festgestellt, daß der Wallach bereits seit vielen Jahren an einem Herzfehler gelitten hat! Und trotzdem galoppierte Herero brav seine Distanzen herunter und kämpfte zum Schluß treu bis zum Letzten, wenn es nötig war. Rittm. E. Stärz, der letzte Besitzer und Reiter von Herero, faßte seine Ansicht über den Wallach in die Worte zusammen: „Herero war das, was man unter den Menschen einen Edelmann in des Wortes bester Bedeutung nennt!“ Und wäre Herero am Leben geblieben, dann war die „Pardubitzer“ 1925 gelaufen! Aber, um die „Große Pardubitzer“ zweimal gewinnen zu können, muß man eben ein Sonntagskind sein. Und der alte, brave Herero wars eben nicht. Armer, alter Herero! O. Christ

Eine Auflistung von Hereros Rennen (zur vergrößern Ansicht bitte anklicken)